Am 25. Dezember 1940 weihten französische Geistliche eine Kapelle zu Ehren des Hl. Petrus-in-Ketten und der Hl. Jungfrau Maria. Diese Kapelle war ein von französischen Künstlern ausgestalteter Mansardenraum unterhalb des Daches des Mannschaftsblocks 1 des Oflag VI A (erstes Offizierslager des Wehrbereiches VI) in Soest, in dem mehr als 2.500 französische Offiziere und ihre Ordonnanzen seit dem 31. Jul 1940 als Kriegsgefangene untergebracht waren. Dieser 7,5 x 6 Meter große Raum stellte für eine große Anzahl der Kriegsgefangenen die einzige Möglichkeit dar, ihre persönliche und nationale Identität, die unter dem Schock der Niederlage und der Gefangenschaft gelitten hatte, wiederzufinden.
 Blick in die Französische Kapelle, 1999
Die ca. 10 Hektar umfassende Kaserne war die letzte Soester Kaserne, die im Zuge der Wiederaufrüstung durch die Nationalsozialisten in Soest gebaut wurde. Die noch unfertige Kaserne wurde am 15. November 1939 zum Stalag VI E (fünftes Stammlager für Soldaten und Unteroffiziere des Wehrbereiches VI) erklärt. Nachdem die ersten Offiziere eingeliefert worden waren, am 14. Mai 1940 niederländische, einen Tag später belgische Offiziere, erhielt das Lager am 5. Juni 1940 die Bezeichnung Oflag VI A.
 Kasernenanlage, 1998
Offiziere durften in der Kriegsgefangenschaft nicht zur Arbeit herangezogen werden. Sie waren gezwungen, ihren Lageralltag selbst zu organisieren. Fünf Jahre waren die französischen Offiziere von der Außenwelt abgeschnitten, lebten dichtgedrängt innerhalb hoher Stacheldrahtzäune und von Wachtürmen aus beobachteten Posten sie ständig mit Maschinengewehren. Unbemerkt von der Soester Bevölkerung entwickelte sich in dieser Umgebung ein Geistes- und Kulturleben mit einer Ausprägung ganz besonderer Art. Literarische Zirkel, Chormusik und Konzerte, Kunstausstellungen und Theateraufführungen stellten Höhepunkte dieses unfreiwilligen Exils dar. Das religiöse Leben der katholischen Gläubigen erhielt durch das Werk der beiden Künstler und Architekten René Coulon und Guillaume Gillet ein Zentrum: einen Gebets- und Andachtsraum, der den Kriegsgefangenen ermöglichte, für kurze Momente der fremden, feindlichen Umgebung zu entfliehen.
Das Kriegsgefangenenlager wurde am 6. April 1945 befreit. Der Kasernenkomplex diente in den darauffolgenden Jahren als Lager für "displaced persons", zur Unterbringung von Vertriebenen und bis 1994 als belgische Kaserne. Im Jahr 1995 wurde die Soester Bevölkerung anlässlich des Tages des Offenen Denkmals eingeladen, sich das Gebäude und die künstlerische Hinterlassenschaft der französischen Kriegsgefangenen, die Französische Kapelle, anzusehen. Angeregt durch ein starkes öffentliches Interesse gründete sich im Juni 1997 die Geschichtswerkstatt Französische Kapelle e. V., die sich um die Aufarbeitung und Bewahrung von sechzig Jahren Stadtgeschichte, die in diesen Gebäuden stattgefunden hat und erlebt wurde, bemüht.
 Französische Schülergruppe beim Besuch der Kapelle, 1998
Die Besonderheit der Gedenkstätte besteht in der Möglichkeit, Menschen über ein Kunstwerk an die jüngere Geschichte heranzuführen. Die Auseinandersetzung mit der politischen Entwicklung in der Region stellt sich über die Konfrontation mit den Originalschauplätzen, die noch vorhanden sind. Die Ausgestaltung der Französischen Kapelle vermittelt einen so direkten Eindruck vom Leben der Kriegsgefangenen, dass sich Fragen nach dem Hintergrund sofort stellen. Die Geschichtswerkstatt erforscht die historischen Hintergründe der verschiedenen Funktionen des Kasernenkomplexes, knüpft Kontakte zu ehemaligen Kriegsgefangenen und auch späteren Bewohnern der Kaserne und setzt sich für eine Erhaltung der Anlage und deren Einrichtung als Ort der Erinnerung und lokalgeschichtlichen Forschung ein.
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