Siegen - Aktives Museum Südwestfalen
André Citroën
   
Eine Sonderausstellung im Aktiven Museum Südwestfalen Siegen 31.08. – 26.10.2008

Das Aktive Museum Südwestfalen (AMS) besteht seit 1996 und zeigt als Dauerausstellung „Jüdisches Leben im Kreis Siegen – Wittgenstein“ unter besonderer Berücksichtigung der Zeit der Verfolgung unter dem Nationalsozialismus. Deshalb war und ist noch immer die Verwunderung groß, worin der Bezug zur Sonderausstellung „André Citroën“ am Dokumentations- und Lernort für regionale Zeitgeschichte am Platz der Synagoge Siegen besteht?

Die Ausstellung ist eine Leihgabe des Jüdischen Museums Rendsburg. Sie wurde von der ehemaligen Leiterin dieses Museums – Dr. Frauke Dettmer – 2007 entwickelt und dort erstmals mit großem Erfolg präsentiert. Frau Dettmer war von der Unternehmerpersönlichkeit Citroëns fasziniert, dass sie dessen Leben und Wirken in einer umfangreichen Ausstellung dokumentierte.


Herkunft und Familie

André Citroën (1878 – 1935) stammte aus einer niederländischen Familie, sein Vater war ein erfolgreicher Diamantenhändler. Dessen Vorfahren waren im Handel von Limonen tätig gewesen. Als die jüdische Bevölkerungsminderheit vom Gesetzgeber angewiesen wurde, sich Nachnamen zu geben, nahmen sie den Nachnamen Limoeman an, der später in Citroen – noch ohne Trema – (niederländisch: Zitrone) abgeändert wurde. Damit ist dann auch das kleine „Geheimnis“ gelüftet, warum die Ausstellung im AMS zu sehen ist. Die Citroëns waren eine säkularisierte jüdische Familie. Andrés Mutter, Masza Kleinman, war Polin, sie sprach mehrere Sprachen und war eine begeisterte Klavierspielerin. André Citroën folgte nicht der Familientradition, er wählte nicht den Beruf eines Händlers oder Kaufmanns. Er besuchte die Ecole Polytechnique, die technische Hochschule der französischen Armee, wo er erstmals auf seinen späteren Konkurrenten Louis Renault traf. So wurde er Ingenieur und besaß mit 24 Jahren eine eigene Firma, die Winkelzahnräder herstellte. Während des Ersten Weltkriegs wurden in seinem Rüstungsbetrieb rund 23 Millionen Granaten hergestellt. Mehr als 11 000 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigte André Citroën. Nach Kriegsende erhielt André Citroën den Ehrentitel „Ritter der Ehrenlegion“ sowie die Ernennung zum „Großoffizier“.

1914 hatte Citroën die italiensche Bankierstochter Giorgina Bingen geheiratet. Sie entstammte einer reichen Genueser Familie, deren Vorfahren bis zum bekannten Prager Rabbi Löw zurückgeführt werden können. Dem Ehepaar wurden vier Kinder geboren, wobei eine Tochter bald starb.


Das Ehepaar André und Giorgina Citroën mit den Kindern Maxime, Bernard und Jacqueline (v.l.) – Die Aufnahme entstand Anfang der 30er Jahre im Seebad Deauville in der Normandie


Automobilbau

Nach dem Ersten Weltkrieg kaufte André Citroën die Autofirma Mors auf. Er realisierte seine Idee, preiswerte Automobile für eine breite Käuferschicht zu produzieren. Sein erstes Fahrzeug trug den Namen 10 HP Type A. In den USA bei Henry Ford lernte er die Massenproduktion am Fließband kennen, die er wenige Jahre später in Frankreich einführte. So folgte bald zum ersten Modell der Type B, der sich durch einen stärkeren Motor und größeren Hubraum auszeichnete. 1922 wurde der neue 5CV gebaut, der innerhalb von vier Jahren in mehr als 80 000 Exemplaren verkauft wurde.

1925 kam ein Auto auf den Markt, das vollkommen aus Stahl gefertigt war. Mit dem Verzicht auf Holz als Baumaterial wurden die Fahrzeuge schwerer aber auch sicherer. Dieser B 10 war Prototyp einer neuen Baureihe. Der Typ B 14 erhielt dann alsbald Servobremsen. Drei Jahre später wurde die C-Reihe präsentiert. Der neue C4 vermochte gar 90 km/h erreichen. Ihm folgte alsbald der C6, ein Sechszylinder! 1933 hatte ein C8 Premiere, der nach einem Schlager des Jahres den Namen Rosalie erhielt. Als nächste Innovation nahm sich André Citroën des neuen Dieselmotors an, der 1935 als 10 CV auf den Markt kam, ein halbes Jahr bevor Mercedes den Dieselmotor in seine Fahrzeuge einbaute. Und – was noch wichtiger war, André Citroën hatte erkannt: „Ein Pferd schiebt ja keinen Wagen sondern zieht ihn!“


Traction Avant
Der Traction Avant (Vorderradantrieb) war erfunden. Einer der größten Erfolge aus dem Haus Citroën! Der Konstrukteur André Lefebvre und der geniale Zeichner Flaminio Bertoni konstruierten einen Wagen, der aus einer selbsttragenden Ganzstahlkarosserie mit Einzelradaufhängung und hydraulischer Bremsanlage bestand. Hinzu kamen Sicherheitslenkung und Reihenvierzylinder. Damit war das Unternehmen für die Zukunft konkurrenzlos aufgestellt. Auf diesen Triumph folgte auch die Niederlage: 1933 geriet Citroën in die roten Zahlen. Das Unternehmen musste infolge der Weltwirtschaftskrise an den Hauptaktionär und Reifenhersteller Michelin verkauft werden.

Neben Personenwagen hatte André Citroën seit 1922 Nutzfahrzeuge wie Taxis, Lastwagen, Omnibusse und Spezialfahrzeuge wie Löschfahrzeuge, Krankenwagen, Geländewagen und Halbkettenfahrzeuge für die Durchquerung von Wüsten produzieren lassen.


Der soziale Unternehmer

André Citroën erwies sich bereits vor fast einem Jahrhundert als fairer und sozialer Unternehmer, wie er auch heute noch beispielhaft wirken könnte. Er schuf in seinen Fabriken Kantinen, in denen kostenlose Mittagessen eingenommen werden konnten. Es gab Kinderbetreuung und kostenlose Zahnbehandlungen für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Schwangere erhielten finanzielle Vergünstigungen, 1927 führte er ein 13. Monatsgehalt ein. Unter seinen Leuten schaffte er es, ein Identifikationsgefühl mit der Firma, ein „Wir-Gefühl“, herzustellen. Um diese „Corporate Identity“ bemühen sich heute noch unsere Firmen. Er stellte behinderte Arbeitskräfte ein und unterstützte großzügig Sportvereine, Campingplätze und Ferienkolonien. Er führte eine Krankenversicherung in seinen Betrieben ein und beschäftigte Sozialarbeiterinnen in den Fabriken. Einrichtungen und Vergünstigungen, für die noch heute in Betrieben und Fabriken Gewerkschaften kämpfen müssen.


Moderne Werbestrategien

Als zehnjähriger erlebte der kleine André in Paris den Bau des Eiffelturms für die kommende Weltausstellung. Der von Technik begeisterte Junge verfolgte den Bau des Turms mit Interesse und Faszination. Welch ein Gefühl wird den erfolgreichen Unternehmer 1925 überkommen haben, als zu Werbezwecken erstmals der Namenszug Citroën am Eiffelturm über das nächtliche Paris leuchtete! Bereits drei Jahre zuvor hatten Flugzeuge zu Werbezwecken den Namenszug über der Metropole Paris in den Himmel geschrieben.


Winkelzahnrad
Eine moderne Werbung, wie sie damals noch unüblich war. Regelmäßig wurden in der französischen Presse ganze Anzeigenserien geschaltet. Filialen des erfolgreichen Autoproduzenten entstanden seit 1920 in Lateinamerika, Afrika und im Nahen und Mittleren Osten. Weitere Filialen gab es seit 1927 in Großbritannien, Belgien, Dänemark, Italien, den Niederlanden, Schweiz, Spanien, Portugal und Deutschland. 1929 belief sich die Autoproduktion auf mehr als 100 000 Fahrzeuge. Dazu wurde ein breites Netz von Reparaturwerkstätten über ganz Europa errichtet. Das Winkelzahnrad, „le double chevron“ wurde zum Symbol einer Automarke.


Das Unternehmen nach André Citroën

Der weitsichtige Unternehmer und innovative Kopf André Citroën hatte die Folgen der Weltwirtschaftskrise auf Frankreich unterschätzt. Dies war die einzige Fehleinschätzung im Leben der französischen Unternehmerlegende, gleichzeitig aber auch die folgenreichste. 1934 musste Citroën Konkurs anmelden, der Hauptaktionär und Reifenhersteller Michelin übernahm die Firma und rettete so Tausende von Arbeitsplätzen. André Citroën erkrankte schwer und starb am 2. Juli 1935.

Die Präsentation des frontgetriebenen 11CV und gleichzeitig des 7A Traction Avant 1934 kamen zu spät, um die Firma Citroën zu retten. Der weitsichtige Konstrukteur André Lefebvre und der geniale Designer Flaminio Bertoni hatten gemeinsam an diesen Limousinen ihren Anteil am Erfolg. Sie wurden 1938 durch einen 15CV ergänzt und bis 1956/57 gebaut. Als so genannte „Gangsterlimousinen“ sind sie heute noch in alten französischen Filmen zu betrachten. Auch die Gestapo im besetzten Paris nutzte die Fahrzeuge zu ihren Zwecken. Nach dem Krieg kam der französische Erfolgswagen oder „Volkswagen“, der bereits für 1939 geplant war, in Serie, der 2CV. Der Nachfolger der Traction Avant wurde dann 1955 auf dem Pariser Autosalon durch eine absolute Sensation vorgestellt: Die „Göttin“ – La Déesse, die DS19. Aerodynamisch einzigartig gestylt, in eine avantgardistische Form gegossen mit einer Hydropneumatik versehen stellte dieser Wagen die Konkurrenz in den Schatten. Als weitere Neuerungen wurden die größere Spurbreite vorn, das Einspeichenlenkrad sowie der automatische Niveauausgleich gefeiert. Noch heute, mehr als 50 Jahre später, lässt die Form dieses Kultautos die Herzen der Bewunderer höher schlagen. Wie seine Vorgängermodelle stammten die Entwürfe für die DS und die ID („Die DS der Armen“) aus der Feder des Chefdesigners Bertoni. Diese Studien und Entwürfe sind übrigens als „Zugabe“ zur Ausstellung André Citroën in Siegen von Citroën Paris zugesagt! In den folgenden 20 Jahren wurde das Erfolgsmodell 1,4 Millionen Mal gebaut, bis es 1975 im CX einen Nachfolger fand.


DS19


60 Jahre Citroën 2CV – 1948 - 2008

Die Legenden kennen verschiedene Arbeitsaufträge für den Konstrukteur:
„Zwei Bauern sollten einen Sack Kartoffeln von 50 kg und ein Fass Wein über Feldwege unbeschadet zu einem Nachbarhof transportieren.“ Oder:
„Zwei Bauern mit Hut sollten einen Korb Eier über ein frisch gepflügtes Feld transportieren, ohne dass dabei ein Ei Schaden nimmt.“

Fest steht jedenfalls, dass zu Beginn der 30er Jahre bereits Planungen angestellt worden waren, ein Fahrzeug zu konstruieren, das französischen Bauern es ermöglichen sollte, auf Pferd und Wagen zu verzichten, um bequem kleinere Lasten zu transportieren. Schon bald begannen die Arbeiten an einem kleinen, leichten und robusten Fahrzeug. Auf dem Pariser Autosalon sollte dieser Wagen seine Premiere erleben, der Kriegsbeginn verhinderte dies. 250 Prototypen gelangten auf die Halde. Aufgeschoben bedeutete aber nicht aufgehoben. 1948 erblickte dann der 2CV das Licht der Welt. In der Nachkriegszeit, der Zeit des Mangels, hatte der kleine Wagen dann bis zu sechs Jahre Lieferzeit. Oftmals brauchte es gute Verbindungen, um das kleine Gefährt zu bekommen. In den 60er Jahren gelangte dann der „Ente“, wie er liebevoll in Deutschland genannt wurde, der Sprung über den Rhein. Er wurde „das“ Auto der Studentenbewegung, das Auto der Schüler in den 70er Jahren. Für rund 3 000 DM – einer großen Summe damals – war er neu zu haben. Anfangs gab es nur wenige dieser „Deux Chevaux“ in der BRD. Fahrer und Fahrerinnen, die sich zum Zeichen der Verbundenheit bei Begegnungen freundlich grüßten, und wehe, wenn dies einer vergaß! Das Faltdach flog schon einmal auf, wenn man die 100 km/h überschritten und es nicht richtig verschlossen war. Ein Cabriofahrgefühl! Bei Schlaglöchern fiel dem Wagenlenker das hochgeklappte Seitenfenster gegen den Ellenbogen. Kleine Unannehmlichkeiten, die einen Citroënisten nur noch härter machten. Die Motorisierung mit 16 PS anfangs bei 431 ccm war äußerst bescheiden. Es wurde Schwung genommen, um den nächsten Berg zu überwinden. Mit den Jahren gab es mehr PS – bis zu 32 – der Hubraum vergrößerte sich auf 597 ccm. Sondermodelle, wie eine „Allradente“, die „Kastenente“, „Charleston-Ente“ oder Weiterentwicklungen wie die Dyane oder Acadiane, trugen ebenfalls zur weiteren Verbreitung der französischen Art des Reisens bei. 2CV zu fahren, war ein Lebensgefühl, eine Philosophie. Raucher hatten auf der breiten Ablage diverse Packungen Gitanes oder Gauloises liegen, die das Fahrgefühl das „Savoir vivre“ noch steigerten. Fragen nach dem Aschenbecher im 2CV konterte der Citroën-Händler mit der Antwort: „Leute, die so ein Auto fahren, haben nicht noch das Geld für Zigaretten!“ Die Produktion des Autos ohne Aschenbecher wurde 1990 eingestellt, nachdem fast sieben Millionen des „watschelnden mobilen Federviehs“ das Licht der Welt erblickt hatten.


Prototyp des 2CV - "Ente"

Neben der Dokumentation André Citroën werden neben dem Museum eine Reihe der neusten Limousinen aus dem Hause Citroën zu sehen sein. Für Schulklassen (Primarstufe und Sekundarstufe I) liegen „Laufzettel“ mit Arbeitsaufträgen bereit, um die Ausstellung auf eigene Faust zu erkunden.

Die Ausstellung André Citroën im Aktiven Museum Südwestfalen in Siegen
31. August – 26. Oktober 2008
Öffnungszeiten: Do – So von 15 – 18 Uhr
Eintritt frei
Führungen nach Vereinbarung unter: Tel: 0271/20100
Ausstellungskatalog: 14,80 €
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