Siegen - Aktives Museum Südwestfalen
Jüdisches Leben in Stadt und Land Siegen
   
Einwohnerliste der Stadt Siegen aus dem Jahr 1843.
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Einwohnerliste der Stadt Siegen
aus dem Jahr 1843.
Liegen die Anfänge der jüdischen Gemeinde im 13. Jahrhundert noch weitestgehend im Dunkeln, es kann eine Zerstörung der Gemeinde zu Zeiten der Pest oder der Kreuzzüge vermutet werden, kann eine 2. Gründung erst 1884 belegt werden. Über viele Jahrhunderte verboten die hiesigen Fürsten von Nassau-Siegen eine Niederlassung von Juden. Allein zu den Markttagen war ihre Anwesenheit geduldet. Eine jüdische Familie Benjamin Moses konnte so erst 1797 Hausbesitz in dem kleinen Dorf Burgholdinghausen erwerben. In Siegen selbst ließ sich 1815 Isaac Rosenberg mit seiner Frau Betty nieder. Rund 28 Jahre lang bis 1843 lehnte die Stadt es immer wieder ab, den Rosenbergs das Bürgerrecht zu erteilen.

1861 wurde Siegen durch die Bahnstrecke nach Hagen an das Ruhrgebiet und im selben Jahr nach Köln an die Rheinschiene angebunden. Damit kamen junge jüdische Familien - vor allem Handelsleute - in die zuvor abgelegene Provinz. 1871 wurde in Siegen ein jüdischer Friedhof angelegt, im Jahr der Gemeindegründung lebten etwa 230 jüdische Menschen in Stadt und Land Siegen.

Alter jüdischer Friedhof am Lindenberg (1871-1914) mit 60 Gräbern, 1998
Alter jüdischer Friedhof am Lindenberg (1871-1914) mit 60 Gräbern, 1998

Schaufenster des Krämers Gerson Eisenstein. Er war von 1871 bis zur Auswanderung nach Amerika 1890 in Siegen ansässig.
Schaufenster des Krämers Gerson Eisenstein. Er war von 1871 bis zur Auswanderung nach Amerika 1890 in Siegen ansässig.

Die Gemeinde richtete 1885 eine jüdische Volksschule ein. Ihr erster Lehrer war der spätere Rabbiner in Bielefeld und Berlin Felix Coblenz (gest. 1924) aus Ottweiler. Ihm folgte als Lehrer Meyer Lilienfeld (1866 - 1908), der jedoch bald eine Stelle in Essen annahm. Ab 1897 war dann 33 Jahre lang bis zu einer Pensionierung Simon Grünewald (1870 - 1939) aus Pömbsen Lehrer und Kultusbeamter der Gemeinde.

Lehrer Simon Grünewald, 1936.
Lehrer Simon Grünewald, 1936. Er bereitete seine Schüler auf die Auswanderung nach Palästina vor.

Im Jahr 1900 gründete sich ein Israelitischer Frauenverein und eine Beerdigungsgesellschaft. Der Berliner Architekt Eduard Fürstenau entwarf die Pläne für den Synagogenbau 1903. Zur selben Zeit plante und realisierte er ähnliche Synagogen in Dortmund und Bielefeld. Siegener Synagoge
Siegener Synagoge
Siegener Zeitung vom 25. Juli 1903 über die Grundsteinlegung der Synagoge
Siegener Zeitung vom 25. Juli 1903 über die Grundsteinlegung der Synagoge

Eduard Hermann mit seinem Sohn Hugo als Kriegsfreiwillige im Ersten Weltkrieg, 1916
Eduard Hermann mit seinem
Sohn Hugo als Kriegsfreiwillige
im Ersten Weltkrieg, 1916
Tafel zur Erinnerung an die Deportationen am Bahnhof Siegen, 1998
Tafel zur Erinnerung
an die Deportationen
am Bahnhof Siegen, 1998

"Die jüdische Gemeinde lebte in einem selbstgewählten Getto", pflegte Hugo Herrmann bis zu seinem Tod 1993 zu sagen. Er war der Sohn des letzten Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde. Nachdem Meyer Leser Stern die Gemeinde 1884 gegründet und bis 1914 geführt hatte, stand ihr Eduard Herrmann bis 1938 vor.

Brennende Synagoge in den Mittagsstunden des 10. November 1938
Brennende Synagoge in den Mittagsstunden des 10. November 1938

In der Zeit des Nationalsozialismus mussten von 1933 bis 1939 in der Stadt Siegen 24 jüdische Firmen oder Geschäfte geschlossen werden, d. h. die Inhaber wurden gezwungen, ihr Eigentum an "Arier" zu verkaufen. Nach der Zerstörung der Synagoge versuchten die allermeisten jüdischen Mitbürger auszuwandern. Rund 100 Personen, denen dies nicht gelang, wurden 1942/ 43 nach Zamosc, Theresienstadt oder Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nur sechs jüdische Frauen, die mit Christen verheiratet waren, überlebten ein Außenlager des KZ Buchenwald in Kassel-Bettenhausen.

Seit dieser Zeit besteht keine jüdische Gemeinde mehr in der Region um Siegen. Nur wenige jüdische Menschen, die in den letzten Jahren aus Russland gekommen sind und einige israelische Studenten an der Universität Siegen, leben heute noch hier. Kontakte zu den Überlebenden und deren Kindern werden durch das Aktive Museum Südwestfalen und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland e.V. aufrecht erhalten und gefördert. Seit 1969 besteht eine offizielle Partnerschaft zwischen dem Kreis Siegen (-Wittgenstein) und dem Kreis Emek Hefer in Israel.
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