Karla Raveh wurde im Jahre 1927 als zweitälteste Tochter des Ehepaares Herta und Walter Frenkel in Lemgo geboren. Der Vater, 1897 in Lemgo geboren, betrieb einen Altwaren- und Produktenhandel. Die Mutter, 1901 geboren, stammte aus Eidewarden an der Unterweser. Karla verlebte ihre Kindheit und Jugend in Lemgo. 1933, im Jahr der Machtergreifung, wurde sie eingeschult. In der Schule, aber auch zuhause und in der Nachbarschaft erlebte sie die ersten Verfolgungsmaßnahmen.
 Himmelfahrtsausflug von Familie Frenkel und Nachbarn, 1933
 Herta Frenkel, Karla Ravehs Mutter
|  Walter Frenkel, Karla Ravehs Vater
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 Karla Raveh, ca. 1935/1936 |
Ihr Vater wurde im Jahre 1933 und im Jahre 1938, am Tag nach der Reichspogromnacht, verhaftet. Auch Ernst Frenkel, der Bruder des Vaters, wurde verhaftet. Sie wurden in das KZ Buchenwald gebracht und erst nach einem Monat wieder entlassen.
Ernst Frenkel wurde dort schwer verprügelt; von den Verletzungen hat er sich nicht mehr erholt.
Von 1939 bis 1942 war das elterliche Haus in der Echternstraße eines der sog. Judenhäuser in der Stadt.
 Entlassungsschein für Walter Frenkel aus dem KZ Buchenwald, 1938
Karla Raveh berichtet über die Rückkehr des Vaters aus dem KZ Buchenwald 2:58 min / 522 kb |
Die gesamte Familie Frenkel - Herta und Walter, die Kinder Helga (geb. 1925), Karla, Ludwig (geb. 1934) und Uriel (geb. 1941) sowie  | Quellen zur Deportation der Lemgoer Juden | die beiden Großmütter Laura Frenkel und Helene Rosenberg - wurden am 28. Juli 1942 vom Lemgoer Marktplatz aus deportiert.


Bericht der SD-Außenstelle Detmold betr. "Abtransport der Juden am 28.7.1942" |
Über Bielefeld wurden sie in das KZ Theresienstadt gebracht. Dort starb Laura Frenkel am 1. November 1942. Im Oktober 1944 wurde die Familie in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz transportiert. Nur Karla Raveh und die Großmutter Helene Rosenberg blieben in Theresienstadt zurück. Als Karla einige Tage später ebenfalls mit einem Transport nach Auschwitz kam, waren die Eltern und die Geschwister vermutlich schon ermordet worden. Karla wurde nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Ende des Jahres 1944 wurde sie in das KZ Bergen-Belsen und von dort in das KZ-Außenlager Salzwedel transportiert, wo sie in einer Munitionsfabrik zur Arbeit eingeteilt wurde. In Salzwedel wurde sie im April 1945 befreit.
 Eintreffende Massentransporte in Theresienstadt, 1942
Karla Raveh: Befreiung im Außenlager Salzwedel 2:08 min / 377 kb |
Nach einem Aufenthalt in einem britischen Krankenhospital in Bergen-Belsen kehrte sie zurück in das elterliche Haus in Lemgo. Dort erfuhr sie, dass ihre Großmutter den Holocaust überlebt hatte und sich in der Schweiz befand. Sie selbst war als Folge der KZ-Haft an TBC erkrankt und reiste zur Genesung in ein Sanatorium in der Schweiz. In Lemgo hatte sie ihren späteren Ehemann Szmuel kennengelernt. Er stammte aus Demblin (Polen) und war als KZ-Häftling nach Deutschland verschleppt worden. Seine Familie war in den Vernichtungslagern ermordet worden, und er selbst lebte in den frühen Nachkriegsjahren als "Displaced Person" in Lemgo. Nach ihrer Heirat im Jahre 1949 emigrierten Karla und Szmuel nach Israel.
Karla Raveh: Rückkehr nach Lemgo 3:00 min / 529 kb |
In den 1950er und 60er Jahren kehrte Karla Raveh einige Male nach Lemgo zurück, um dort frühere Nachbarn und Freunde zu treffen. In der Öffentlichkeit war das Schicksal ihrer Familie kein Thema. Erst als ihr autobiographischer Bericht im Jahre 1986 veröffentlicht 
 Karla Raveh wird Ehrenbürgerin
der Stadt Lemgo, Lippische Landeszeitung 08.11. 1988 | wurde, wurde die Familie Frenkel gleichsam zu einem Symbol für das Schicksal der verfolgten und ermordeten Lemgoer Juden. Während des Besuches im Jahre 1986, als Karla und Szmuel Raveh als offizielle Gäste der Stadt eingeladen waren, entstand die Idee der Einrichtung des Frenkel-Hauses (Ausstellung, Künstlerhaus, Wohnung). Kurz nach der Rückkehr nach Israel starb Szmuel Raveh.
 Vom Ehepaar Raveh 1988 an die Stadt Lemgo übergebene Gedenktafel zur Erinnerung an die Lemgoer Synagoge, 2000
Im Jahr 1988 wurde das Frenkel-Haus eröffnet und Karla Raveh mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt Lemgo ausgezeichnet. Seitdem kommt sie in jedem Jahr für mehrere Monate nach Lemgo. Vom 
 Karla Raveh erzählt im Frenkel-Haus, 2000 | ersten Jahr an hat sie eine besondere Aufgabe darin gesehen, als Zeitzeugin über die Schicksale der jüdischen Frauen, Männer und Kinder in der NS-Zeit zu berichten. Von Schulen, Kirchengemeinden und Volkshochschulen wurde sie eingeladen. Am Anfang stand die Bitte um eine Lesung aus ihrem Buch. Später rückten Gespräche über ihre persönlichen Erfahrungen an die Stelle der Lesung. Mit zahlreichen Gruppen hat sie sich im Ausstellungsraum des Frenkel-Hauses getroffen.
Karla Raveh erinnert sich an den Anfang der NS-Herrschaft, 2000 2:42 / 6.5 mb |
Das persönliche Konzept, das hinter dieser Arbeit steht und das sich seit Mitte der 1980er Jahre kontinuierlich weiterentwickelt hat, beruht auf der Erkenntnis, zu den letzten Zeugen des Holocaust zu gehören. Die Niederschrift der Erinnerungen war der erste Anstoß, das Schweigen zu überwinden. Bis dahin hatten selbst die beiden Söhne über die Lebensgeschichte ihrer Mutter kaum etwas erfahren. Mit den Begegnungen und den Gesprächen in Lemgo wuchs die Bereitschaft, über das Schicksal der Familie und den eigenen Leidensweg zu berichten. Die Möglichkeit, die ihr die Wohnung im Frenkel-Haus bietet, bildet die Grundlage für das kontinuierliche Engagement als Zeitzeugin. Wichtig ist für Karla Raveh dabei der lokale Bezug.
 Frenkel-Haus, 2001 | |  Künstler-Atelier im Hinterhaus, 2001 |
Nicht nur in Lemgo, sondern auch in anderen Städten, bspw. in Stendal und Salzwedel, hat Karla Raveh Gespräche geführt und Gruppen getroffen. Unter den Gedenkstätten und Erinnerungsorten gibt es vermutlich nur wenige Beispiele, die ähnlich stark von dem Engagement einer Zeitzeugin geprägt sind.
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