Alfred Zingler wurde 1885 als Sohn eines preußischen Amtsgerichtssekretärs in Niederschlesien geboren. Er begann nach dem Besuch eines humanistischen Gymnasiums zunächst eine Ausbildung für den mittleren Justizdienst, hielt sich selbst aber für die Beamtenlaufbahn nicht geeignet. Alfred Zingler brach die Ausbildung ab, folgte seinen literarisch-kulturellen Interessen, nahm Schauspielunterricht und wirkte seit 1909 als Charakterdarsteller auf mehreren Theaterbühnen. 1913 orientierte sich der sprachbegabte Zingler beruflich neu und wurde Chefredakteur der "Breslauer Morgenzeitung". Zunehmend mit dem sozialdemokratischen Gedankengut verbunden, schloss sich Zingler 1919 der SPD an und fand im reformorientiert-pragmatischen, staatstragenden Flügel der Sozialdemokratie seine politische Heimat.
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SPD-Parteibücher des Ehepaars Zingler
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 Alfred und Margarethe Zingler gegen Ende des Ersten Weltkrieges
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Über das "Wolff'sche Telegraphenbüro", die "Breslauer Zeitung", die "Tilsiter Zeitung", die "Tilsiter Volksstimme", die "Volkswacht" in Regensburg und die "Neue Freie Presse" in Hagen fand der inzwischen überzeugte Journalist, der sich besonders dem Theater, der Kunst und der Politik widmete, den Weg nach Gelsenkirchen. In der Ruhrgebietsstadt wurde er 1922 Lokalredakteur der sozialdemokratischen Zeitung "Volkswille", die unter seiner Federführung bis zu ihrem Verbot am 27. Februar 1933 erschien, und avancierte gemeinsam mit seiner Frau Margarethe zu einflussreichen Persönlichkeiten der heimischen Sozialdemokratie.
Alfred Zingler unterstützte die SPD nicht nur journalistisch nach Kräften, sondern engagierte sich überdies während der Weimarer Republik in zahlreichen der Sozialdemokratie nahestehenden kommunal- und kulturpolitischen Organisationen (ein besonderes Gewicht legte er auf die Kultur- und Bildungsarbeit der nachwachsenden Generation).

 Alfred Zingler in den 1920er Jahren
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Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus setzte sich der "Volkswille" frühzeitig auseinander. Die Haltung Zinglers blieb jederzeit unmissverständlich: Der Sozialdemokrat erteilte der braunen Ideologie eine deutliche Absage und verteidigte ausdrücklich die demokratischen Strukturen der Weimarer Republik. Die entschlossene Ablehnung des Nationalsozialismus konnte nach der Machtergreifung der NSDAP nicht ohne Folgen bleiben. Alfred und Margarethe Zingler emigrierten im Mai 1933 in die Niederlande und schlossen sich im benachbarten Ausland der antifaschistischen Widerstandsbewegung an. Zingler stellte sich in den Dienst der "Freien Presse", einem "Wochenblatt für geistige und politische Freiheit", das von deutschen Sozialdemokraten in Amsterdam herausgegeben wurde. Daneben hielt er Kontakte nach Gelsenkirchen aufrecht und trug dazu bei, die "Sozialistische Aktion" - ein publizistisches Organ des sozialdemokratischen Widerstandes - im nördlichen Ruhrgebiet zu verbreiten.


Überführung der Zinglers vom KZ Herzogenbusch ins Lager Amersfoort

Erste Seite des Verhörprotokolls von Alfred Zingler
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Die Zinglers wurden nach der Besetzung der Niederlande am 2. Juli 1943 durch die Nationalsozialisten aufgespürt und in das Gefängnis Arnheim eingeliefert. Später waren beide im Konzentrationslager Herzogenbusch-Vught und im Polizeilichen Durchgangslager Amersfoort inhaftiert, bevor sie im Januar 1944 in das Gefängnis Gelsenkirchen eingewiesen wurden.
Alfred Zingler musste zwei Wochen Verhöre und Misshandlungen der Gestapo über sich ergehen lassen und wurde schließlich nach Berlin überstellt.


Todesurteil gegen Alfred Zingler vom 17. Juli 1944
 Zuchthaus Brandenburg-Görden, 1937
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Am 17. Juli 1944 wurde der sozialdemokratische Widerstandskämpfer, da er - so die Urteilsbegründung - "in Aufsätzen gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich und Volk gehetzt, Verbindung zu anderen sozialdemokratischen Emigranten gepflegt, geheime sozialdemokratische Kuriere ins Reich und aus dem Reich empfangen und noch 1944 im Gefängnis unseren Glauben an den Sieg zu erschüttern gesucht und so unseren Kriegsfeinden als deren Propagandaknecht gedient" habe, vom Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 28. August 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.
Margarethe Agnes Selina Wiesner, geboren 1885 im niederschlesischen Jauer, besuchte acht Jahre die Volksschule und erhielt neben dem herkömmlichen Schulbetrieb auf Veranlassung ihrer Eltern Privatunterricht in Englisch, Französisch und Literatur, der das kulturelle Interesse Margarethe Wiesners wesentlich begründete. Die Tochter einer protestantischen Beamtenfamilie besuchte für ein Jahr die Handelsschule in Breslau, verdiente sich als Buchhalterin ihr Auskommen und heiratete kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs Alfred Zingler.


Bescheinigung über die Eheschließung vom 26. September 1914
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Margarethe teilte mit ihrem Mann das kulturelle und politische Interesse. Grundlegende Eckpfeiler sozialdemokratischer Gesinnung - Solidarität, Internationalismus, Antimilitarismus und ein parlamentarisch-demokratischer, zutiefst republikanischer Habitus - prägten ihr politisches und gesellschaftliches Engagement. In den zwanziger Jahren stellte sich Margarethe Zingler in Gelsenkirchen in den Dienst zahlreicher gesellschaftspolitischer Organisationen. In der sozialdemokratischen Frauengruppe, als Vorstandsmitglied der Arbeiterwohlfahrt und als Stadtverordnete im Gelsenkirchener Rathaus gestaltete sie die örtliche Sozial- und Kulturpolitik nachhaltig mit. Im Juni 1933 folgte Margarethe ihrem Mann Alfred in das niederländische Exil.

Das Ehepaar Zingler mit Gustav Adolf Lehnert (links) im Sommer 1934 vor ihrer Wohnung im Exil in Hengelo, Niederlande
Nach der Verhaftung im Sommer 1943 durchlebte Margarethe ebenso wie ihr Mann die Mühle der Inhaftierung und der Verhöre. Zu einem gemeinsamen Verhandlungstermin vor dem Volksgerichtshof kam es nicht mehr. Während Alfred Zingler bereits Ende August 1944 dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat zum Opfer fiel, wurde das Verfahren gegen seine Frau wegen "Hochverrats" in Berlin erst am 16. September 1944 eröffnet. Da das Berliner Gericht die Quelle ihrer Widerstandsarbeit nicht in dem Bedürfnis, sich parteipolitisch zu engagieren, sondern in dem Wunsch, ihren Mann zu unterstützen, ausmachte, blieb der Sozialdemokratin die Todesstrafe erspart. Erneut unter dem Vorsitz Roland Freislers sprach der Volksgerichtshof eine dreijährige Haftstrafe aus.


Urteil gegen Margarethe Zingler vom 16. September 1944
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Margarethe Zingler überlebte - von den Haftbedingungen deutlich gezeichnet - ihre Gefangenschaft in Cottbus und Leipzig. Am 19. April 1945 wurde sie von amerikanischen Truppen befreit, am 7. Mai endgültig aus dem Frauengefängnis Klein-Meusdorf entlassen.
Im Oktober 1945 kehrte Margarethe Zingler nach Gelsenkirchen zurück, knüpfte ohne Umschweife an ihr politisches Engagement vor ihrer Emigration an und war an dem demokratischen Wiederaufbau der Stadt intensiv beteiligt. Die überzeugte Sozialdemokratin gestaltete die Wiedergründung der hiesigen SPD mit und nahm gleich mehrere innerparteiliche Aufgaben wahr. Ferner übernahm sie nach 1945 Vorsitz und Geschäftsführung der Gelsenkirchener Arbeiterwohlfahrt, wurde erneut Stadtverordnete (1946-1948), und gehörte später zahlreichen politischen Ausschüssen der Stadt an. 1967 war es ihr noch vergönnt, das nach ihrem Mann benannte "Alfred-Zingler-Haus" zu eröffnen. Ihre finanzielle Wiedergutmachung, die sie dreizehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zugesprochen bekam, spendete sie aus Dankbarkeit für die Hilfe im Exil der niederländischen Sozialdemokratie. Margarethe Zingler starb am 16. Juni 1973 im Alter von 87 Jahren und wurde unter großer Anteilnahme ihrer Freunde und Parteigenossen auf dem Friedhof in Bismarck beigesetzt. |