Gelsenkirchen - Dokumentationsstätte "Gelsenkirchen im Nationalsozialismus"
Gedenken an die NS-Opfer in Gelsenkirchen
   
Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erfolgte in Gelsenkirchen bereits bald nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. Vor allem die Arbeiterschaft und ihre Organisationen, die zahlreiche Opfer nationalsozialistischer Verfolgung zu beklagen hatten, hielten die Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Verbrechen wach.

Während man in der Bundesrepublik überwiegend erst in den 1970er Jahren begann, sich verstärkt mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen, erfolgten solche Erinnerungsaktivitäten in Gelsenkirchen recht früh. Ohne Gelsenkirchen nun als besonders vorbildlich darstellen zu wollen, wird man feststellen müssen, dass die Gelsenkirchener sich recht kontinuierlich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzten. Dies dürfte seine Ursachen in der sozialen und politischen Struktur der Stadt gehabt haben: Die Arbeiterschaft der Stadt Gelsenkirchen sammelt sich traditionell in bedeutenden Teilen beim politischen Katholizismus, bei der Sozialdemokratie und bei den Kommunisten. Diese politischen Bewegungen stellten die viel zu geringe Zahl der Gegner der Nationalsozialisten. Obwohl auch in Gelsenkirchen die Masse der Bevölkerung den Nationalsozialismus unterstützte oder wenigstens "mitlief", erinnerte man sich in diesen politischen Bewegungen, die 1945 wiederentstanden, der Opfer und der Verfolgten.


Gedenkstein für die beim Bombenangriff getöteten Jüdinnen des KZ-Außenlagers bei der Firma Gelsenberg
Gedenkstein für die beim Bombenangriff getöteten Jüdinnen des KZ-Außenlagers bei der Firma Gelsenberg
In der frühen Nachkriegszeit erinnerte nicht nur die Ruinenlandschaft der Stadt an den Nationalsozialismus, zahlreiche Gedenksteine wurden errichtet. Auf jedem Gelsenkirchener Friedhof erinnern Gedenksteine an ermordete Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.

Auf dem Friedhof in Horst-Süd wird allein an 884 ermordete sowjetische Zwangsarbeiter erinnert. In der Nähe befindet sich der Gedenkstein für die bei einem Bombenangriff getöteten ungarischen Jüdinnen von Gelsenberg, die als Insassinnen des KZ-Außenlagers nicht in die Bunker durften.

Ebenfalls auf diesem Friedhof erinnert ein Mahnmal an den Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 und die Zeit des "Dritten Reiches". Dieses von der Horster Arbeiterschaft ursprünglich zur Erinnerung an die Opfer reaktionärer Freikorps- und Reichswehrverbände 1920 errichtete Mahnmal war von den Nationalsozialisten zerstört worden. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde es von dem "Komitee ehemaliger politischer Gefangener und Konzentrationäre", aus dem später die "Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes" hervorging, neu errichtet und dort auch Opfer der Nationalsozialisten vermerkt, u.a. auch eine jüdische Familie aus Horst. Dieses Mahnmal zeigt historisch sehr gut die Verbindung zwischen dem rechtsextremen Putsch, als Freikorps-Soldaten erstmals auch mit Runenzeichen auftraten, und dem Nationalsozialismus.

Mahnmal für die Opfer des Kapp-Lüttwitz-Putsches
Mahnmal für die Opfer des Kapp-Lüttwitz-Putsches und des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus

Eine zentrale Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Gelsenkirchener Stadtgarten wurde 1950/51 errichtet.

Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Stadtgarten
Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Stadtgarten

Die Gedenkplatte am Platz der ehemaligen Gelsenkirchener Synagoge in der Gildenstraße wurde 1963 geschaffen, die Umbenennung des Platzes in "Platz der alten Synagoge" erfolgte 1993. Im November 1992 wurde ein Mahnmal am Ort der in der sogenannten Reichskristallnacht zerstörten Synagoge in Buer errichtet.

Platz der alten Synagoge im Jahr 1997
Platz der alten Synagoge im Jahr 1997
Mahnmal an der Maelostraße
Mahnmal an der Maelostraße

Seit Ende der 1970er Jahre verstärkte sich eine breitere Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Im Kontext einer gesamtgesellschaftlichen Aufbruchbewegung ging eine neue Generation daran, zu fragen, wie sich Eltern und Großeltern in jenen zwölf Jahren verhalten hatten. In Gelsenkirchen stellte man entsprechende Fragen z.B. im Umfeld der Volkshochschularbeit. Aus Volkshochschulkursen ging im November 1980 eine Ausstellung "Gelsenkirchen 1933-1945" hervor.

Am 8. Mai 1985 beging der Rat der Stadt Gelsenkirchen den 40. Jahrestag des Kriegsende ausdrücklich als Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und ließ in einer Sondersitzung des Rates Verfolgte und Mitglieder von Widerstandsgruppen zu Wort kommen.

1987 benannte der Rat schließlich drei Plätze in der (Alt-)Gelsenkirchener Innenstadt nach örtlichen Widerstandskämpfern (Heinrich-König-Platz, Margarethe-Zingler-Platz und Fritz-Rahkob-Platz). Der Leopold Neuwald-Platz erinnert an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger Gelsenkirchens. Zahlreiche weitere Straßennamen im Stadtgebiet erinnern schon seit längerer Zeit an Widerstandskämpfer und Verfolgte aus allen politischen Lagern.

Margarethe-Zingler-Platz
Margarethe-Zingler-Platz

Schließlich beschloss der Rat der Stadt Gelsenkirchen 1989 die Errichtung einer Dokumentationsstätte über die Geschehnisse während der nationalsozialistischen Herrschaft. Die Dokumentationsstätte "Gelsenkirchen im Nationalsozialismus" wurde am 8. Mai 1994 eröffnet. Neben der Dauerausstellung gibt es mittlerweile zahlreiche Publikationen und Veranstaltungen zum Thema. Heute wird kein Gelsenkirchener mehr behaupten können, sich über den Nationalsozialismus in Gelsenkirchen nicht informieren zu können.

1995 wurde in einer großen Veranstaltung der Befreiung vom Nationalsozialismus gedacht. Bei einer Gedenkveranstaltung im Theater sprachen auch ehemalige jüdische Bürger der Stadt über Ihre Verfolgung. Vertreter der Partnerstädte nahmen an der Veranstaltung teil. In den Jahren 1996 und 1997 besuchten ehemalige jüdische Bürger die Stadt Gelsenkirchen und konfrontierten in verschiedenen Veranstaltungen auch die heutigen Bürger mit ihren Lebensgeschichten, mit ihren Verfolgungsschicksalen.

Besuch ehemaliger jüdischer Gelsenkirchener in der Dokumentationsstätte
Besuch ehemaliger jüdischer Gelsenkirchener in der Dokumentationsstätte

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