Gedenkstätte Bonn
Else Waldmann - ein jüdisches Schicksal
   
Am 13. Januar 1913 wird Else Waldmann als zweite Tochter von Babette und Ludwig Waldmann, einem Musiker des städtischen Orchesters, in Bonn geboren. Nach der Schule macht Else eine Lehre beim Konfektionsgeschäft Kemp & Sohn als Dekorateurin, Verkäuferin und Modevorführerin. Mit dem Tod der Mutter 1930 ist für Else und ihre zwei Jahre ältere Schwester Karola die unbeschwerte Jugend vorbei. Ihr Vater heiratet 1933 erneut, 1935 wird Elses Halbschwester Margarete Liselotte geboren. Im gleichen Jahr wird Ludwig Waldmann aufgrund der NS-Gesetzgebung aus dem Orchester entlassen. Seine zweite Frau, die keine Jüdin ist, lässt sich kurz darauf scheiden. Dem Vater ist jegliche Lebensgrundlage genommen.

Babette Waldmann mit ihren Töchtern
Babette Waldmann mit ihren Töchtern Karola (links) und Else (rechts), ca. 1916

Erster Schultag von Else Waldmann, 1919
Erster Schultag
von Else Waldmann, 1919

Kennkarte von Else Waldmann
Kennkarte von Else Waldmann,
ausgestellt am 16. März 1939

Verfügung vom 23. Juli 1942
Zum Vergrössern bitte anklicken
Verfügung vom 23. Juli 1942:
Das Vermögen von Else Waldmann
wird zugunsten des Deutschen Reiches "eingezogen"

Nachdem die nichtjüdischen Geschäftsinhaber keine jüdischen Angestellten mehr beschäftigen dürfen, arbeitet Else Waldmann im Damenmodengeschäft von Amalie Heumann am Martinsplatz. Während des Pogroms am 10. November 1938 erlebt sie mit, wie SA- und SS-Männer in Zivil in den Modesalon eindringen und das Ladenlokal verwüsten. Das Geschäft muss schließen, und Else verliert ihre Arbeit.

Fast alle jüdischen Freunde sind ins Ausland geflohen. Else und Karola überlegen ebenfalls, Deutschland zu verlassen. Ludwig Waldmann ist aber nach mehreren Nervenzusammenbrüchen und Schlaganfällen gelähmt und würde von keinem Land aufgenommen werden. Die Schwestern treffen daher die Abmachung, dass diejenige, die zuerst die notwendigen Papiere zur Emigration erhält, auswandert. Die andere wird sich weiter um den Vater kümmern. Karola erhält eine Einreisegenehmigung für die USA und fährt im August 1939 in die Niederlande. Es gelingt ihr jedoch nicht, eine Schiffspassage in die USA zu bekommen. Karola muss in Amsterdam bleiben.

Else und ihr Vater müssen mehrere Male innerhalb von Bonn umziehen. Die letzte gemeinsame Adresse ist die Viktoriastraße 26. Dort stirbt ihr Vater nach einem weiteren Schlaganfall im Dezember 1940.

Ab Januar 1941 wird Else Waldmann zur Zwangsarbeit verpflichtet. Im Juni 1941 wird sie im Sammellager in Endenich interniert und am 27. Juli 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort muss sie schwere Arbeiten verrichten. Im Juni 1944 wird sie in das Außenlager Wulkow in Brandenburg strafverlegt, im Februar 1945 zurück nach Theresienstadt gebracht. Während der gesamten Zeit ihrer Gefangenschaft reicht das Essen kaum zum überleben.

Tonsequenz abspielen Else Waldmann über den Transport nach Theresienstadt
1:34 min / 736 kb

Nach der Befreiung von Theresienstadt Anfang Mai 1945 hilft Else Waldmann zunächst dort auf der Krankenstation. Im Juli 1945 wird sie zusammen mit anderen überlebenden ins Rheinland zurückgebracht. Sie leidet noch Jahre unter den Folgen der Haft.

Erst 1960 erhält sie vom Roten Kreuz die Gewissheit, dass ihre Schwester Karola am 15. Juli 1942 in das Durchgangslager Westerbork in den Niederlanden gebracht und am gleichen Tag weiter nach Auschwitz deportiert worden ist. Dort starb sie, vermutlich am 30. September 1942.

Else Waldmann gehört zu den wenigen deportierten Bonner Juden, die Deportation und Konzentrationslager überlebt haben. Sie entscheidet sich, nach dem krieg in Bonn zu bleiben: „Dort bin ich geboren, ich liebe Bonn, ich liebe Beethoven, und die Gräber meiner Familie sind auch hier.“

Else Waldmann mit dem Bundesverdienstkreuz
Else Waldmann mit dem Bundesverdienstkreuz

Sie macht eine weitere Ausbildung und arbeitet bis zu ihrem 60. Lebensjahr als Buchhalterin. Else Waldmann engagiert sich ehrenamtlich in der Synagogengemeinde, in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, später auch in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und in der Gedenkstätte Bonn. Vor allem jungen Menschen berichtet sie immer wieder von ihrem Leben. Aufgrund ihres Engagements für die Bonner Begegnungswochen wird Else Waldmann 1986 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. 1995 trägt sie sich in das Goldene Buch der Stadt Bonn ein.

Else Waldmann stirbt am 14. Mai 2004 in Bonn. Sie wird auf dem jüdischen Friedhof in der Römerstraße beigesetzt.

Kontakt | Webmaster | Impressum | Quellenangaben